KI, Bildgebung und Lungenkrebs: Was die neue EU-Plattform „Cancer Image Europe“ für die Menschen in ganz Europa bedeutet
Die „European Cancer Imaging Initiative“ ist ein von der EU finanziertes Programm, das Bildgebungsdaten zu Krebserkrankungen aus Krankenhäusern und Forschungszentren in ganz Europa zusammenführt, um KI-Tools für Diagnose und Behandlung zu entwickeln und zu validieren. Ein spezielles Projekt im Rahmen dieser Initiative, UNICA, bündelt insbesondere Daten aus der Lungenkrebsvorsorge von 12 medizinischen Zentren in sieben Ländern.
Hier erfahren Sie, worum es sich dabei handelt, wozu es dient und warum „Lung Cancer Europe“ dies aufmerksam verfolgt.
Was ist die Europäische Initiative zur Krebsbildgebung?
Die Europäische Initiative zur Krebsbildgebung ist eine Leitmaßnahme des europäischen Plans zur Krebsbekämpfung. Ihr Ziel ist es, Bildgebungsdaten, künstliche Intelligenz und Supercomputing zu nutzen, um Ärzten und Forschern dabei zu helfen, schnellere und genauere Entscheidungen hinsichtlich der Krebsdiagnose und -behandlung zu treffen.
Im Mittelpunkt steht die Plattform „Cancer Image Europe“, die im Rahmen des EUCAIM-Projekts entwickelt und mit 18 Millionen Euro aus dem EU-Programm „DIGITAL“ gefördert wurde. Die Plattform überträgt keine Patientendaten aus den Krankenhäusern und Forschungszentren, in denen diese gespeichert sind. Stattdessen verfolgt sie einen föderierten Ansatz: Die Einrichtungen behalten die Kontrolle über ihre Daten, während KI-Tools gleichzeitig anhand mehrerer Datensätze trainiert, getestet und validiert werden können.
Stand September 2025 vereint die Plattform 83 Bilddatensätze zu neun Krebsarten, die insgesamt rund 107.000 Probanden umfassen. Registrierten Nutzern stehen bereits 50 KI-Tools zur Verfügung, und bis Ende 2026 soll die Plattform voraussichtlich mehr als 100.000 Fälle und 60 Millionen Bilder von mindestens 30 Dateninhabern aus 15 Ländern umfassen.
Warum Lungenkrebs dies benötigt
Lungenkrebs ist die häufigste krebsbedingte Todesursache in Europa. Jedes Jahr erhalten 484.000 Menschen diese Diagnose. Und doch wird bei zu vielen von ihnen die Erkrankung erst zu spät erkannt – in einem Stadium, in dem die Behandlungsmöglichkeiten begrenzt sind und die Prognose deutlich schlechter ausfällt.
Wir wissen, dass Vorsorgeuntersuchungen Leben retten. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind eindeutig und das schon seit Jahren. Dennoch wird die Lungenkrebsvorsorge in Europa noch immer nicht in dem Umfang angeboten, wie es eigentlich sein sollte. Der Zugang ist ungleichmäßig verteilt. In einigen Ländern gibt es sie kaum. Die Folge ist eine Kluft zwischen dem, was wissenschaftlich möglich ist, und dem, was die Menschen tatsächlich erreichen können – eine Kluft, unter der vor allem Menschen in Ländern mit niedrigerem Einkommen und in unterversorgten Gemeinden leiden.
Dieses Problem ist für uns nicht neu. Unser „Access to Treatment Atlas“ hat die Verfügbarkeit von Behandlungen und deren Kostenerstattung in 30 europäischen Ländern erfasst und dabei festgestellt, dass es in einigen europäischen Ländern mit geringerem Einkommen Wartezeiten von 600 Tagen oder mehr für neue Medikamente gibt. In unseren Jahresberichten haben wir immer wieder dokumentiert, wie sehr die medizinische Versorgung davon abhängt, wo man lebt – und nicht nur davon, an welcher Krankheit man leidet. Diese Ungleichheit ist nicht unvermeidbar. Um sie zu beseitigen, braucht es jedoch bessere Instrumente, bessere Daten und Systeme, die grenzüberschreitend voneinander lernen können.
Genau zu diesem Zweck wird die Plattform „Cancer Image Europe“ aufgebaut.
Daten zu Lungenkrebs werden in die Plattform eingespeist
Eine der bedeutendsten Entwicklungen für unsere Gemeinschaft ist das UNICA-Projekt, das im Rahmen des EU4Health-Programms mit einer EU-Kofinanzierung in Höhe von 3,9 Millionen Euro gefördert wird. UNICA erweitert die föderierte Infrastruktur um bildgebende Daten aus groß angelegten Vorsorgeuntersuchungen zu Brust-, Lungen- und Prostatakrebs und bringt dabei 12 medizinische Zentren aus Slowenien, Portugal, Polen, Litauen, Griechenland, Deutschland und der Ukraine zusammen.
Drei Aspekte sind dabei besonders hervorzuheben. Erstens werden Bilddaten zu Lungenkrebs aus verschiedenen europäischen Bevölkerungsgruppen für die Entwicklung und Validierung von KI in einem bisher unerreichten Umfang zur Verfügung stehen. Zweitens gehören zu diesen Bevölkerungsgruppen auch Länder, die in der Vergangenheit in groß angelegten Forschungsprojekten unterrepräsentiert waren – was unerlässlich ist, wenn KI-Tools in ganz Europa gleichberechtigt funktionieren sollen und nicht nur in den ressourcenstärksten Einrichtungen. Drittens bedeutet das föderierte Modell, dass selbst Einrichtungen in Ländern mit begrenzten Ressourcen zu einer gemeinsamen Infrastruktur beitragen und von dieser profitieren können, ohne sensible Daten übertragen oder eigene teure Systeme aufbauen zu müssen.
Das erklärte Ziel von UNICA besteht nicht nur darin, Daten zu bündeln. Vielmehr sollen dort innovative KI-Modelle für die Krebsfrüherkennung erprobt und gleichzeitig der Altruismus im Umgang mit Patientendaten gefördert werden: die Idee, dass Menschen, die ihre Daten für die Forschung zur Verfügung stellen, dies tun, um anderen zu helfen, und dass dieser Beitrag anerkannt, geschützt und verantwortungsbewusst genutzt werden sollte.
KI-gestützte Screening-Zentren: Ein Netzwerk nimmt Gestalt an
Im Februar 2026 rief die Europäische Kommission Gesundheitsorganisationen dazu auf, sich einem europäischen Netzwerk von KI-gestützten Zentren für fortgeschrittene Vorsorgeuntersuchungen anzuschließen. Das Netzwerk soll die Einführung von KI-Lösungen zur Krebsvorsorge und -diagnose beschleunigen und baut dabei direkt auf der Infrastruktur von „Cancer Image Europe“ auf.
Dies ist ein Wandel vom Aufbau der Infrastruktur hin zur praktischen Umsetzung. Die Plattform ist nicht mehr nur ein Forschungsinstrument. Sie entwickelt sich zu einer Grundlage für den klinischen Einsatz und bietet die Möglichkeit zu prüfen, ob KI-Tools, die im Forschungsumfeld entwickelt wurden, die Behandlungsergebnisse tatsächlich verbessern können, wenn sie in echten Krankenhäusern mit echten Patienten eingesetzt werden.
Im Hinblick auf Lungenkrebs ist dies von großer Bedeutung. Die KI-gestützte Auswertung von CT-Aufnahmen erweist sich bereits als vielversprechend für die frühzeitigere Erkennung von Knoten, die andernfalls möglicherweise übersehen oder falsch eingestuft würden. Je mehr diese Tools anhand größerer, vielfältigerer Datensätze validiert werden, desto schwerer fällt es, die Argumente für ihre Einbindung in nationale Vorsorgeprogramme zu ignorieren.
Was das in der Praxis bedeutet
Die Plattform „Cancer Image Europe“ ist keine Wunderlösung. Der Aufbau einer Infrastruktur ist nicht gleichbedeutend mit der Verwirklichung von Chancengleichheit. Ein KI-Tool, das anhand von Datensätzen aus 15 Ländern validiert wurde, muss noch in die klinische Praxis umgesetzt, von den Gesundheitssystemen erstattet und den Menschen unabhängig von ihrer Postleitzahl oder dem Gesundheitsbudget ihres Landes zugänglich gemacht werden.
Das sind sowohl politische als auch technische Herausforderungen. Und es sind Herausforderungen, an denen wir weiter arbeiten werden.
Doch die Infrastruktur, die hier aufgebaut wird, ist wirklich wichtig. Seit Jahren ist die Fragmentierung eines der Hindernisse für Fortschritte in der Lungenkrebsforschung und -diagnostik: Datensätze, die zu klein sind, um zuverlässige KI zu trainieren, klinische Zentren, die isoliert voneinander arbeiten, und Erkenntnisse, die in einem Land gewonnen werden, aber niemals ein anderes Land erreichen. Die Plattform „Cancer Image Europe“ ist eine direkte Antwort auf diese Fragmentierung.
Bemerkenswert ist zudem, dass bei der Entwicklung dieser Plattform die Privatsphäre der Patienten und die Datenhoheit im Mittelpunkt stehen. Das föderierte Modell bedeutet, dass die Daten dort verbleiben, wo sie sind. Sie werden nicht in einem zentralen Speicher aggregiert, wodurch einzelne Ausfall- oder Risikopunkte entstehen würden. Menschen, die mit Lungenkrebs leben und ihre Daten für die Forschung zur Verfügung stellen, haben das Recht zu wissen, dass diese nach den höchsten Schutzstandards behandelt werden. Diese Plattform wurde entwickelt, um genau das zu gewährleisten.
Ein Moment, um aufmerksam zu sein
Im Rahmen des europäischen Plans zur Krebsbekämpfung wurden in den letzten Jahren eine Reihe von Verpflichtungen eingegangen. Einige davon wurden eingehalten, andere sind bislang nur Bestrebungen geblieben. Angesichts der anhaltenden Diskussionen über den EU-Haushalt stehen die Initiativen, die unter diesen Rahmen fallen, unter erheblichem Druck.
Die Plattform „Cancer Image Europe“ hat bereits Ergebnisse vorzuweisen. Sie ist einsatzbereit, wächst stetig und beginnt, eine grenzüberschreitende KI-Validierung zu ermöglichen, wie sie bisher nicht möglich war. Das ist eine Errungenschaft, die es zu bewahren und weiter auszubauen gilt.
Gerade im Bereich Lungenkrebs erleben wir derzeit einen echten wissenschaftlichen Aufschwung. Neue Behandlungsmethoden, längere Überlebenszeiten, ein klareres Verständnis davon, wie eine gute Versorgung aussieht. Die Frage ist, ob die Systeme rund um diese Fortschritte gut genug aufgebaut sind, um sie gerecht bereitzustellen. Eine gemeinsame, föderierte Bildgebungsinfrastruktur, die Ärzten in ganz Europa hilft, Lungenkrebs früher und genauer zu erkennen, ist Teil dieser Antwort.
Wir werden diese Initiative aufmerksam verfolgen und unsere Community über die weiteren Entwicklungen auf dem Laufenden halten.
*Die Europäische Initiative zur Krebsbildgebung ist eine Leitmaßnahme des europäischen Plans zur Krebsbekämpfung. Die Plattform „Cancer Image Europe“ wird im Rahmen des EUCAIM-Projekts entwickelt. Weitere Informationen finden Sie unter [cancerimage.eu](https://cancerimage.eu) und auf den [Seiten der Europäischen Kommission zur Digitalstrategie](https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/cancer-imaging).*