Warum Menschen mit Lungenkrebs einem höheren Risiko für Krankenhausinfektionen ausgesetzt sind

Menschen mit Lungenkrebs sind während eines Krankenhausaufenthalts einem deutlich höheren Infektionsrisiko ausgesetzt. Ein neuer, umfassender europäischer Bericht warnt davor, dass dieses Risiko nicht ernst genug genommen wird.

Laut dem im April 2026 von der Europäischen Krebsorganisation (ECO) veröffentlichten Strategiebericht „Treating the Whole Patient“ ist das Risiko, eine nosokomiale Infektion (HAI) zu entwickeln, bei Krebspatienten zwei- bis fünfmal höher als bei anderen stationären Patienten. Bei Patienten, die sich einer intensiven Chemotherapie unterziehen oder an einer Blutkrebserkrankung leiden, ist das Risiko sogar noch höher.

Der Bericht stützt sich auf Expertenaussagen, Patientenerfahrungen und klinische Forschungsergebnisse und kommt zu dem Schluss, dass nosokomiale Infektionen nach wie vor eines der am wenigsten beachteten Risiken in der Krebsversorgung in ganz Europa darstellen. Lung Cancer Europe veröffentlicht diese Ergebnisse, da sie für die Menschen, die wir vertreten, von unmittelbarer Bedeutung sind.

Warum die Behandlung von Lungenkrebs das Infektionsrisiko erhöht

Die Behandlung von Lungenkrebs belastet das Immunsystem erheblich. Chemotherapie, zielgerichtete Therapien und Steroide schwächen die Fähigkeit des Körpers, Infektionen zu bekämpfen. Häufige Krankenhausaufenthalte und die Verwendung medizinischer Hilfsmittel wie Blasenkatheter erhöhen die Gefahr einer Ansteckung mit schädlichen Bakterien zusätzlich.

Diese Kombination macht Menschen, die sich einer Lungenkrebsbehandlung unterziehen, besonders anfällig. Und wenn es doch zu Infektionen kommt, können diese schwerwiegend sein.

Wenn Antibiotika nicht mehr wirken

Der ECO-Bericht äußert besondere Besorgnis hinsichtlich der Antibiotikaresistenz (AMR), dem zunehmenden Problem, dass Bakterien gegen Antibiotika resistent werden.

Eine in dem Bericht zitierte Studie, die 347 Krebspatienten mit Blutbahninfektionen untersuchte, ergab, dass jede dritte Infektion durch Bakterien verursacht wurde, die auf kein verfügbares Antibiotikum ansprachen. Die Sterblichkeitsrate bei Patienten mit arzneimittelresistenten Infektionen lag bei 27 %, verglichen mit 7 % bei Patienten, deren Infektionen auf die Behandlung ansprachen.

Bei Krebspatienten ist das Risiko, eine Sepsis zu entwickeln, fast zehnmal höher als bei Menschen ohne Krebs, was vor allem auf die durch die Erkrankung und ihre Behandlungen verursachte Immunsuppression zurückzuführen ist. Bei hospitalisierten Krebspatienten ist die Sepsis bei einem sehr hohen Anteil der Todesfälle die Ursache.

Der Bericht warnt davor, dass einige routinemäßige Krebsbehandlungen bis 2030 undurchführbar werden könnten, wenn gegen die Antibiotikaresistenz nichts unternommen wird, da die Infektionsrisiken den Nutzen der Therapie überwiegen würden. Bereits heute stehen bis zu 50 % der Todesfälle durch Krebs im Zusammenhang mit Infektionen, doch wird Antibiotikaresistenz in Sterbeurkunden nur selten vermerkt, wodurch das tatsächliche Ausmaß des Problems verschleiert wird.

Das spezifische Risiko von Blasenkathetern

Der ECO-Bericht widmet den katheterassoziierten Harnwegsinfektionen (CAUTIs) besondere Aufmerksamkeit, da es sich dabei um eine der häufigsten und vermeidbaren Formen von nosokomialen Infektionen handelt.

Harnwegsinfektionen machen etwa 19 % aller im Gesundheitswesen erworbenen Infektionen in europäischen Akutkrankenhäusern aus. Jährlich treten in der EU fast 800.000 im Krankenhaus erworbene Harnwegsinfektionen auf, von denen mehr als 60 % im Zusammenhang mit Blasenkathetern stehen.

Die finanziellen und personellen Kosten sind beträchtlich. CAUTIs verursachen den Gesundheitssystemen Kosten zwischen 800 und 1.000 Euro pro Fall, was einer geschätzten jährlichen Belastung von 477 Millionen Euro in der gesamten EU entspricht. Zudem verlängern sie die Krankenhausaufenthalte, wodurch neue Aufnahmen und elektive Operationen verzögert werden.

Bis zu 47 % der Katheterlegungen könnten ungerechtfertigt sein. Es hat sich gezeigt, dass eine Reduzierung des unnötigen Kathetergebrauchs die Infektionsraten senkt und die Patientensicherheit verbessert.

Frauen sind einem besonderen Risiko ausgesetzt. Der Bericht stellt fest, dass Frauen bei Verweilkathetern ein doppelt so hohes Risiko für CAUTI haben, und fordert den verstärkten Einsatz alternativer Katheteroptionen sowie eine bessere geschlechtsspezifische Datenerhebung.

Ein uneinheitliches Bild in ganz Europa

Die Wahrscheinlichkeit, eine nosokomiale Infektion zu entwickeln, variiert in Europa stark. Einige Länder verfügen über leistungsfähigere Überwachungssysteme, bessere Protokolle zur Infektionskontrolle und eine einheitlichere Patientenaufklärung. Andere hinken deutlich hinterher. Der Ort, an dem eine Person mit Lungenkrebs behandelt wird, kann das Risiko, eine vermeidbare Infektion zu entwickeln, erheblich beeinflussen.

Was muss sich ändern?

Der ECO-Bericht enthält klare Empfehlungen für politische Entscheidungsträger, Gesundheitssysteme und Ärzte.

Zum Thema Infektionsprävention:

  • Reduzierung des unnötigen Kathetergebrauchs durch aktualisierte klinische Protokolle und Instrumente zur Entscheidungsunterstützung

  • Die Ausbildung von Pflegekräften und die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Bereich der Infektionskontrolle stärken

  • Eine gezielte Initiative auf EU-Ebene zum Thema CAUTIs ins Leben rufen, die in bestehende Strategien zu Antibiotikaresistenzen und Patientensicherheit eingebunden ist

  • Verbesserung der EU-Überwachung und der Datenqualität, einschließlich geschlechtsspezifischer Ergebnisse

Zum Thema Antibiotikaresistenz:

  • Die Aufklärung über Antibiotikaresistenzen sowohl für medizinisches Fachpersonal als auch für die Öffentlichkeit aufrechterhalten und verstärken

  • Den Markt für die Entwicklung von Antibiotika reformieren, einschließlich der Schaffung einer „AMR-Ausweisung“ ähnlich dem Orphan-Drug-Status, um der Entwicklung neuer Antibiotika Vorrang einzuräumen

  • Apothekern eine vollwertige Rolle im Bereich des verantwortungsvollen Umgangs mit Antibiotika einräumen

  • Einen „One Health“-Ansatz verfolgen, der sowohl den übermäßigen Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft als auch im Gesundheitswesen berücksichtigt

Was das für Menschen bedeutet, die mit Lungenkrebs leben

Wenn Sie sich derzeit einer Lungenkrebsbehandlung unterziehen oder jemanden unterstützen, der sich einer solchen Behandlung unterzieht, sollten Sie sich des Infektionsrisikos bewusst sein. Nicht, um Panik zu schüren, sondern weil dieses Bewusstsein hilfreich sein kann.

Einige praktische Maßnahmen, die Sie mit Ihrem Behandlungsteam besprechen sollten:

  • Erkundigen Sie sich bei jedem geplanten Krankenhausaufenthalt oder Eingriff nach den Maßnahmen zur Infektionsprävention.

  • Achten Sie auf Anzeichen einer Infektion: Fieber, Schüttelfrost, ungewöhnliche Schmerzen oder Rötungen im Bereich eines Katheters oder einer Infusionsleitung oder plötzliches Unwohlsein

  • Wenn Ihnen Antibiotika verschrieben werden, nehmen Sie diese wie verordnet bis zum Ende der Behandlung ein.

  • Wenn Sie Bedenken hinsichtlich der Antibiotikaresistenz oder Ihres Infektionsrisikos haben, sprechen Sie diese bitte mit Ihrem Onkologen oder Ihrer Fachkrankenschwester an.

Über den Bericht

Der Bericht „Treating the Whole Patient: Addressing often overlooked aspects of cancer care“ wurde im April 2026 von der European Cancer Organisation veröffentlicht. Er befasst sich mit drei Bereichen der Krebsversorgung, die laut dem Bericht bisher zu wenig Beachtung gefunden haben: medizinische Ernährung, Antibiotikaresistenz und nosokomiale Infektionen. Der Bericht stützt sich auf einen „Community 365“-Rundtisch, der im Mai 2025 stattfand und an dem Ärzte, Patientenvertreter, Apotheker, Pflegekräfte und politische Entscheidungsträger aus ganz Europa teilnahmen.

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