Stadieneinteilung bei Lungenkrebs: Reicht das TNM-System noch aus?
Die Einstufung von Lungenkrebs basiert traditionell auf anatomischen Kriterien: der Größe und Lage des Tumors, der Frage, ob der Krebs die Lymphknoten befallen hat, und ob er sich auf andere Körperteile ausgebreitet hat.
Diese Informationen spielen nach wie vor eine zentrale Rolle für die Diagnose, die Behandlungsentscheidungen und die Prognose.
Unser Verständnis von Lungenkrebs hat sich jedoch erheblich gewandelt. Mithilfe von Biomarker-Tests lassen sich mittlerweile molekulare Unterschiede zwischen Krebserkrankungen feststellen, die auf einem Bildgebungsbefund sehr ähnlich aussehen können. Auch Bluttests wie die Bestimmung zirkulierender Tumor-DNA (ctDNA) werden derzeit untersucht, um selbst sehr geringe Mengen an Krebszellen nachzuweisen, die in der Bildgebung nicht erkennbar sind.
Forscher fragen sich nun, ob zukünftige Stadieneinteilungssysteme neben den bereits durch das TNM-System erfassten anatomischen Informationen auch einige dieser biologischen Informationen nutzen könnten.
So funktioniert die TNM-Einstufung bei Lungenkrebs
TNM ist das international anerkannte System zur Beschreibung des anatomischen Ausmaßes vieler Krebsarten, darunter auch Lungenkrebs.
Es erfasst drei Hauptmerkmale:
T – Tumor: Die Größe des Primärtumors und ob er in benachbarte Strukturen eingewachsen ist.
N – Lymphknoten: Gibt an, ob sich der Krebs auf benachbarte Lymphknoten ausgebreitet hat.
M – Metastasen: ob sich der Krebs auf andere Körperteile ausgebreitet hat.
Diese Befunde werden zusammengefasst, um ein Gesamtstadium zu bestimmen. Bei nicht-kleinzelligem Lungenkrebs reicht dies vom Stadium I, in dem der Krebs relativ lokal begrenzt ist, bis zum Stadium IV, in dem er sich auf entfernte Körperregionen ausgebreitet hat.
TNM bietet eine gemeinsame Sprache für Ärzte, Forscher und Krebsregister auf der ganzen Welt. Es dient zudem als Orientierungshilfe bei der Behandlung und liefert Informationen über die zu erwartenden Behandlungsergebnisse.
Warum ein und dasselbe Lungenkrebsstadium sehr unterschiedliche Krebserkrankungen beschreiben kann
Das TNM-System beschreibt, wo sich der Krebs im Körper befindet. Es beschreibt jedoch nicht alle biologischen Merkmale dieses Krebses.
Zwei Menschen mit Lungenkrebs können zwar dasselbe TNM-Stadium aufweisen, doch ihre Krebserkrankungen können unterschiedliche molekulare Ursachen haben, unterschiedlich auf die Behandlung ansprechen und unterschiedliche Rezidivrisiken bergen.
Mit der Weiterentwicklung von Biomarker-Tests und gezielten Therapien hat dies zunehmend an Bedeutung gewonnen.
Ein EGFR-positiver Lungenkrebs kann beispielsweise anders behandelt werden als ein ALK-positiver Lungenkrebs oder ein Krebs ohne identifizierten therapierelevanten Biomarker. Diese Unterschiede beeinflussen bereits heute die Behandlungsentscheidungen, auch wenn sie nicht Teil des TNM-Stadiums selbst sind.
Biomarker liefern bereits zusätzliche Informationen, die über das Stadium des Lungenkrebses hinausgehen
Biomarker-Tests sind mittlerweile ein fester Bestandteil der Behandlung vieler Menschen mit nicht-kleinzelligem Lungenkrebs.
Mithilfe von Tests lassen sich Veränderungen in Genen oder Proteinen feststellen, die Ärzten dabei helfen, die Krebserkrankung besser zu verstehen und in manchen Fällen eine zielgerichtete Therapie oder Immuntherapie auszuwählen.
Das bedeutet, dass Ärzte nun möglicherweise wesentlich mehr über eine Krebserkrankung wissen als aus deren TNM-Klassifizierung hervorgeht.
Die Entwicklung gezielter Therapien für Lungenkrebs im Frühstadium hat diesem Aspekt besondere Bedeutung verliehen. Molekulare Informationen können die Behandlung nach der Operation beeinflussen, während das formale Stadium weiterhin auf anatomischen Befunden basiert.
Könnten ctDNA und MRD nach der Behandlung weitere Informationen liefern?
Forscher untersuchen zudem, ob Bluttests Aufschluss darüber geben könnten, ob nach der Behandlung noch Krebszellen im Körper vorhanden sind.
Tumore können kleine DNA-Fragmente in den Blutkreislauf abgeben. Diese werden als zirkulierende Tumor-DNA (ctDNA) bezeichnet.
Hochsensible Tests können manchmal ctDNA nachweisen, auch wenn auf einem Bildgebungsbefund kein Krebs erkennbar ist. Wenn nach der Behandlung noch Anzeichen für eine Krebserkrankung bestehen, diese jedoch mit herkömmlichen bildgebenden Verfahren nicht nachweisbar sind, spricht man von einer molekularen Resterkrankung oder einer minimalen Resterkrankung (MRD).
Im Rahmen von Studien zu Lungenkrebs wird untersucht, ob ctDNA, die nach einer Operation oder einer anderen kurativen Behandlung nachgewiesen wird, dazu beitragen kann, Patienten mit einem erhöhten Rezidivrisiko zu identifizieren.
Dies ist nach wie vor ein aktives Forschungsgebiet. ctDNA- und MRD-Tests sind derzeit nicht Bestandteil des Standard-TNM-Staging-Systems.
Das vorgeschlagene TNM + DB-Staging-Modell
In einem neuen „Viewpoint“-Beitrag in JAMA Oncology wird vorgeschlagen, das TNM-System beizubehalten und zwei weitere Deskriptoren hinzuzufügen.
D – Treiber: Gibt an, ob der Krebs eine therapierelevante molekulare Veränderung aufweist, die in diesem Krankheitsstadium validiert wurde.
B – Biologie/Belastung: Molekulare Belastung, gemessen anhand der zirkulierenden Tumor-DNA (ctDNA) oder der minimalen Restserkrankung (MRD).
Nach dem vorgeschlagenen Modell könnte eine Krebserkrankung weiterhin anhand ihres bestehenden TNM-Stadiums beschrieben werden, wobei die Buchstaben D und B hinzugefügt würden, um weitere Informationen über ihre Molekularbiologie zu liefern.
So beschreiben die Autoren beispielsweise das Stadium IIIB (D-positiv, B-positiv) als lokoregional fortgeschrittenen Krebs mit einem zielgerichtbar behandelbaren Treiber und einer nachweisbaren molekularen Belastung.
Dies ist ein als „Viewpoint“ veröffentlichter Vorschlag. TNM + DB ist kein Staging-System, das derzeit in der klinischen Praxis verwendet wird.
Molekulare Daten werden bereits bei der Stadieneinteilung von Lungenkrebs ausgewertet
Lungenkrebs bietet einen geeigneten Rahmen für diese Diskussion, da molekulare Untersuchungen bereits eng mit der Behandlung verknüpft sind.
Forscher können nun untersuchen, ob Genominformationen, ctDNA-Ergebnisse und andere Biomarker zusätzlich zum TNM-Stadium nützliche prognostische Informationen liefern.
Beispielsweise wird derzeit untersucht, ob ctDNA nach der Behandlung ein erhöhtes Rezidivrisiko erkennen lässt, noch bevor dieses Rezidiv auf einem Scan sichtbar wird.
Die entscheidende Frage für die Stadieneinteilung lautet, ob diese Messungen ausreichend genau, reproduzierbar und klinisch aussagekräftig sind, um in ein System integriert zu werden, das in verschiedenen Krankenhäusern und Ländern zum Einsatz kommt.
Was müsste sich ändern, damit die Biologie in die Inszenierung einfließen könnte?
Ein Staging-System muss bei großen und heterogenen Populationen konsistent funktionieren.
Jedes molekulare oder blutbasierte Messverfahren, das zusätzlich zum TNM-System herangezogen wird, müsste daher durch stichhaltige Belege untermauert werden, dass es nützliche Informationen liefert, die über die bestehende Stadieneinteilung hinausgehen.
Außerdem müsste man sich darüber einigen, wie die Tests durchgeführt werden, welche Biomarker berücksichtigt werden, wann Proben entnommen werden und wie die Ergebnisse ausgewertet werden.
Die Technologie entwickelt sich rasant weiter. Ein Staging-System muss zudem ausreichend stabil sein, um auch bei sich ändernden Tests und Behandlungsmethoden seinen Nutzen zu behalten.
Derzeit gilt das TNM-System weiterhin als Standard für die Einstufung von Lungenkrebs.
Der Zugang zu Biomarker-Tests wird Teil der Diskussion sein
Jeder Schritt in Richtung einer biologisch fundierten Stadieneinteilung würde zudem Fragen hinsichtlich des Zugangs aufwerfen.
Biomarker-Untersuchungen sind in Europa nicht überall gleichermaßen verfügbar. Es bestehen Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern sowie zwischen den einzelnen Zentren innerhalb eines Landes.
Die Einbeziehung molekularer Informationen in die Stadieneinteilung wäre nur dann sinnvoll, wenn die Betroffenen Zugang zu den dafür erforderlichen Untersuchungen hätten.
Ohne einen gleichberechtigten Zugang könnte ein detaillierteres Staging-System eine weitere Variationsquelle darstellen, anstatt die Konsistenz zu verbessern.
Für Lung Cancer Europe bleibt der Zugang zu zeitnahen und präzisen Biomarker-Tests daher ein wichtiger Bestandteil dieser umfassenderen Diskussion.
Wie könnte sich die Stadieneinteilung bei Lungenkrebs weiterentwickeln?
Das TNM-System hat sich im Zuge der Fortschritte bei der Evidenzgewinnung und der Diagnosetechnik immer wieder weiterentwickelt. Zukünftige Versionen müssen möglicherweise auch die wachsende Menge an biologischen Informationen berücksichtigen, die in der Krebsbehandlung zur Verfügung stehen.
Bei Lungenkrebs ist die Richtung der Forschung klar. Wissenschaftler untersuchen, wie das anatomische Stadium, die Tumorbiologie und Biomarker im Blut ein detaillierteres Verständnis eines individuellen Krebsfalls ermöglichen können.
Es liegen noch nicht genügend Belege vor, um das TNM-System durch diese Maßnahmen zu ersetzen oder offiziell zu erweitern.
Derzeit gibt uns das TNM-Stadium Aufschluss darüber, wo sich der Lungenkrebs im Körper befindet. Biomarker-Tests können uns weitere Informationen über den Krebs selbst liefern. Die Forschung im Bereich der ctDNA könnte weitere Erkenntnisse über den nach der Behandlung verbleibenden Krebs oder das Rezidivrisiko liefern.
Wie diese verschiedenen Arten von Informationen miteinander verknüpft werden sollten, dürfte in den kommenden Jahren ein wichtiger Schwerpunkt der Lungenkrebsforschung sein.
Quellen
Subbiah V, Nabhan C. Wenn die TNM-Einteilung nicht ausreicht. JAMA Oncology. Online veröffentlicht am 30. Juli 2026.Carbone DP, Hirsch FR, Osarogiagbon RU u. a. Das Staging-Projekt der International Association for the Study of Lung Cancer : Der Einfluss häufiger molekularer Veränderungen auf das Gesamtüberleben bei nicht-kleinzelligem Lungenkrebs in ersten Analysen der Staging-Datenbank der 9. Auflage der IASLC. Journal of Thoracic Oncology. 2025;20(10):1423–1440.Internationale Vereinigung zur Erforschung von Lungenkrebs. IASLC-Staging-Projekt: Lungenkrebs, Thymustumoren und Mesotheliom.Weiterführende Informationen von Lung Cancer Europe
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